Ein Krieg der Reichen gegen die Armen

Interview mit Magnolia und Wilson, einem indigenen Künstlerpaar aus der Gruppe der Shipibo, über die Auswirkungen der Corona-Krise in Peru

Shipibo artist Magnolia and her son. Photo: Aya Velázquez

15.12.2020 | Ucayali, Peru. Peru war eines der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Länder Südamerikas. Die peruanische Regierung setzte auf einen an China orientierten „harten Lockdown“, inklusive sechs Monate andauernder Ausgangsperren und umfassender Berufsverbote. „Bald sterben mehr Menschen an Hunger als an Corona“, berichtete mir Wilson, ein befreundeter indigener Stickereikünstler aus der peruanischen Amazonasstadt Yarinacocha bereits im August. Das Interview entstand am 15.12.2020 auf Grundlage eines Whatsapp-Interviews auf Spanisch. Es erschien am 20.12.2020 im Demokratischen Widerstand.

Magnolia und Wilson, wie hat sich die Corona-Krise bei euch in Peru ausgewirkt?

Von Mai bis August hatten wir viele Coronavirus-Fälle und viele Tote. Es sind viele Menschen in meiner Gemeinde Yarinacocha gestorben, vor allem ältere und Menschen mit Diabetes. Es hat hier vor allem die Vulnerabelsten von uns getroffen: Menschen mit Vorerkrankungen, Übergewicht, und zu wenig Geld, sich die teuren Medikamente leisten zu können. Im Mai waren die Krankenhäuser überlastet, Menschen starben unversorgt an den Klinikeingängen. Eine Behandlung am Beatmungsgerät kostet 3.000 Soles (700€) — unerschwinglich für normale Menschen wie uns. Das ist der Grund dafür, dass so viele hier gestorben sind. Als es mit Covid-19 hier losging, haben sich die Medikamentenpreise über Nacht vervierfacht! Inzwischen gibt es nur noch vereinzelt Fälle, aber trotzdem weiterhin die strengen Regeln im Alltag. Die meisten Leute hier haben inzwischen genug davon. Weißt du, wir sind es nicht gewohnt, so zu leben! Die Leute hier wollen keine Maske mehr tragen. Im letzten Monat habe ich von keinem einzigen Corona-Toten mehr in meiner Stadt Yarina gehört. Die Leute haben inzwischen keine Angst mehr vor dem Virus, viel gefährlicher ist aktuell das Dengue-Fieber.

Lockdown in Peru, Symbolbild / Photo: Aya Velázquez

Gibt es noch Ausgangssperren?

Wir befinden uns momentan in der Phase der „zielgerichteten Quarantäne“, in der je nach Region gesondert entschieden wird. Hier in meiner Region Ucayali zum Beispiel gibt es sehr wenige Fälle, deshalb dürfen wir zwischen 4 Uhr morgens und 22 Uhr abends wieder das Haus verlassen. Nachts herrscht hingegen Ausgangssperre. In Gegenden mit mehr Fällen als bei uns beginnt die Sperrstunde bereits ab 18h. Dort darf auch nur montags, mittwochs oder freitags jeweils eine Person pro Familie raus, um die Einkäufe zu erledigen. Zusätzlich wird an allen Eingängen zu Läden die Temperatur gemessen, ab 38°C darf man nirgendwo rein.

Du selbst fährst beruflich Mototaxi und hattest monatelang Berufsverbot. Darfst du inzwischen wieder arbeiten?

Im Moment noch nicht, da ich erst neue Corona-Dokumente besorgen und mein Fahrzeug an die neuen Auflagen anpassen muss: eine Kunststoff-Trennwand zwischen Fahrer und Kunden und ein Hinweisschild zur geltenden Maskenpflicht. Wenn die Polizei jemanden ohne all das antrifft, wird einem das Fahrzeug entzogen und eine hohe Strafe fällig, im Moment 4.000 Soles (ca. 900€).

Hat euch die Regierung während des Lockdown und des Berufsverbots finanziell unterstützt?

Nein. Zwar verkündete die Regierung eine Unterstützung für die Allerärmsten — aber nur für diejenigen, die in den Augen der Regierung die Allerärmsten darstellen. Diese erhielten pro Familie zweimal eine Summe von 360 Soles (ca. 80€). Wir haben uns schon gefreut, schließlich sind wir ja arm! Wir haben also unseren Antrag gestellt, aber der wurde abgelehnt, weil eine Regierungsbehörde hier bei uns in Yarina vor fünf Jahren einen Zensus durchgeführt hatte. Sie haben damals viele Fragen zu unseren Besitzverhältnissen gestellt: Haben Sie einen Fernseher? Haben Sie eine Küche mit Gaskocher? Sie haben alles genau notiert. Auch, dass wir im Hof eine kleine Kokospalme zu stehen haben. Diese Daten leiteten sie nun an die Antragsbehörde weiter. Wir erhielten also von der Behörde die Antwort, die „sozioökonomische Prüfung“ hätte ergeben, wir seien nicht arm und uns stünde daher während des Berufsverbots keinerlei staatliche Unterstützung zu. Das stand da genauso drin: „no pobre — nicht arm“.

Dona Florentina, eine der Ältesten des Dorfes Paoyhan, hat die Corona-Krise unbeschadet überstanden. Photo: Aya Velázquez

Und ich nehme an, es gibt auch nur reiche Nachbarn in deiner Gegend.

Genau, wir Shipibo hier im Vorort von Yarinacocha sind alle reich! (lacht bitter) Das war mit das Traurigste, dass von den Shipibo hier in meiner Gegend fast niemand staatliche Unterstützung bekommen hat. Wir sind ihnen immernoch nicht arm genug. Hier in Peru musst du schon in einer Lehmhütte wohnen oder auf der nackten Erde schlafen, um in den Augen unserer Regierung bedürftig zu gelten. Und jetzt kommt das Schlimmste: viele Staatsbedienstete, Bürgermeister und dergleichen, die eh schon gut bezahlt werden, haben die 360 Soles einfach mit eingestrichen!

Wie hast du während der Krise deine Familie ernährt?

Ich habe zusammen mit meinem Onkel vier Stunden mit dem Auto entfernt von hier auf einer Maisplantage gearbeitet. Dort haben sie uns 35 Soles am Tag bezahlt — von 7 Uhr früh bis 17 Uhr auf der Plantage. Das ist viel Arbeit für wenig Geld, und man ist die ganze Woche weg von der eigenen Familie.

Wie wird es jetzt weitergehen? Kommt die Corona-Impfung?

Die peruanische Regierung hat für Januar und Februar angekündigt, Millionen von Corona-Impfungen durchführen zu wollen. Sie sagen uns zwar, diese Impfung wird nicht obligatorisch sein. Aber indirekt ist sie sehr wohl obligatorisch — und zwar für jeden, der wieder arbeiten, reisen, ein Krankenhaus betreten oder seine Kinder von der Schule abholen will. Aber gleichzeitig sagen sie dir, es sei ja nicht obligatorisch.

Müssen sich auch die Kinder gegen Covid impfen lassen?

Ja, wenn die Kinder wieder zur Schule gehen wollen, müssen sie sich gegen Covid-19 impfen lassen. Wir haben alle große Angst davor. Zusätzlich soll im Unterricht nächstes Jahr auch noch die Maskenpflicht gelten! Die Kinder waren von Anfang Mai bis Ende November nicht in der Schule und durften sich nur in einem Radius von 500m rund um unser Haus bewegen. Sie bekamen Lernvideos aufs Handy zugeschickt. Vielen Kindern ging es in dieser Zeit sehr schlecht, hatten Depressionen. Niemand hier will die Impfung für Kinder, aber wir haben keine Wahl. Wir werden erpresst mit ihrer Bildung und ihrem Wohlergehen.

Shipibo Kinder aus Yarinacocha. Photo: Aya Velázquez

Meinst du, die Behauptung der Freiwilligkeit könnte ein rechtlicher Trick sein, um für eventuelle Schäden nicht haften zu müssen?

Bestimmt! Kürzlich meinte ein bekannter Journalist zu unserem Gesundheitsminister, dass wir Bürger Perus, die nun zur Impfung gedrängt werden, erst einmal sehen wollen, wie sich der gesamte Regierungsapparat, alle Minister und Autoritäten impfen lassen! Sollen sie doch in ihrer Funktion als Volksvertreter erstmal mit gutem Beispiel vorangehen! Vorher wollen wir diese Impfung auch nicht haben.

Auf der ganzen Welt finden momentan große Demos gegen die Corona-Maßnahmen statt, in Argentinien wurde kürzlich der Lockdown infolge der heftigen Bürgerproteste beendet. Wie sieht es bei euch in Peru aus?

Demonstrationen gegen die Corona-Politik gibt es hierzulande noch nicht, aber es gibt Demos. Das Hauptthema ist die um sich greifende Korruption — mit der Corona natürlich auch zusammenhängt! Vielleicht liegt es auch daran, dass die Impfung noch nicht unmittelbar bevorsteht, die kommt erst im Januar oder Februar. Wir werden sehen, was dann passiert. Die meisten Leute hier sind jedenfalls gegen die Impfung. Es spricht sich herum, das sie nicht besonders effizient sei und sogar die DNA verändern soll. Viele Leute hier glauben, das sei alles schon lange im Vorfeld geplant gewesen. Dass die Impfung quasi längst vorher fertigproduziert war. Sie wollen uns nur glauben machen, dass sie die Impfung in einer Ausnahmegeschwindigkeit hergestellt hätten, aber in Wirklichkeit war sie schon da. Wir sind doch nicht so blöd, alles zu glauben. In einer solchen Krise sterben immer als erstes die Ärmsten der Armen. Ich glaube, dass es sich hier um einen Krieg handelt.

Inwiefern um einen Krieg?

Um einen Krieg der Reichen gegen die Armen. Viele Menschen hier glauben, dass dieses Virus geschaffen wurde, um die Ärmsten der Armen auszulöschen. Der Profit, der dabei entsteht, geht an die großen Pharmakonzerne. Wir Armen sind in den Augen der Reichen nur unnötige Konsumenten, wir sind überflüssig für die. Sie wollen uns loswerden.

Magnolia, Wilson und ihre Kinder

“A war of the rich against the poor”

Interview with Magnolia and Wilson, an indigenous artist couple from the Shipibo group, about the effects of the Corona crisis in Peru

by Aya Velázquez

12/15/2020 | Ucayali, Peru. Peru was one of the countries in South America hardest hit by the Corona crisis. The Peruvian government relied on a “hard lockdown” oriented towards China, including a six-month curfew and extensive professional bans. “Soon more people will die of hunger than of Corona,” Wilson, an indigenous embroidery artist friend of mine from the Peruvian Amazon city of Yarinacocha, told me in August.

Magnolia and Wilson, how did the Corona crisis affect you in Peru?

From May to August we had many coronavirus cases and many deaths. Many people have died in my Yarinacocha ward, especially the elderly and people with diabetes. Above all, it hit the most vulnerable of us: people with previous illnesses, overweight, and too little money to be able to afford the expensive drugs. In May, the hospitals were overloaded and people died at the hospital entrances without care. Treatment on the ventilator costs 3,000 soles (700 €) — unaffordable for normal people like us. That is why so many died here. When Covid-19 started here, drug prices quadrupled overnight! There are now only a few cases, but still the strict rules in everyday life. Most of the people here have had enough of it by now. You know we’re not used to living like this! The people here don’t want to wear a mask anymore. In the past month I have not heard of a single corona death in my city of Yarina. People are no longer afraid of the virus; dengue fever is currently much more dangerous here.

Are there still curfews?

We are currently in the “targeted quarantine” phase, which will be decided separately depending on the region. Here in my Ucayali region, for example, there are very few cases, which is why we are allowed to leave the house between 4 a.m. and 10 p.m. At night, however, there is a curfew. In areas with more cases than here, curfew starts at 6 p.m. One person per family is only allowed to go out there on Mondays, Wednesdays or Fridays to do the shopping. In addition, the temperature is measured at all entrances to shops, from 38 ° C you are not allowed in anywhere.

You drive a mototaxi for work and have been banned from working for months. Can you work again in the meantime?

Not at the moment, as I first have to get new Corona documents and adapt my vehicle to the new requirements: a plastic partition between the driver and the customer and a sign about the mandatory mask requirement. If the police come across someone without all of that, the vehicle will be taken away and a heavy fine will be due, currently 4,000 soles (approx. € 900).

Did the government support you financially during the lockdown and ban?

No. The government announced support for the very poor — but only for those who, in the eyes of the government, represent the very poor. These received per family twice a sum of 360 soles (approx. 80 €). We were already happy, after all we are poor! So we submitted our application, but it was rejected because a government agency here in Yarina carried out a census five years ago. Back then you asked a lot of questions about our ownership structure: Do you have a television? Do you have a kitchen with a gas stove? You wrote everything down exactly. Also that we have a small coconut tree in the courtyard. They passed this data on to the application authority. We received the answer from the authorities that the “socio-economic test” had shown that we are not poor and that we are therefore not entitled to any state support during the ban on working. That was also written in it: “no pobre — not poor”.

And I suppose there are only rich neighbors in your area.

Exactly, we Shipibos here in the suburb of Yarinacocha are all rich! (laughs bitterly) That was one of the saddest things that almost no one of the Shipibos in my area received government support. We are still not poor enough for them. Here in Peru you have to live in a mud hut or sleep on the bare ground to be needy in the eyes of our government. And now comes the worst: many civil servants, mayors and the like, who are already well paid anyway, have simply pocketed the 360 ​​Soles!

How did you feed your family during the crisis?

My uncle and I worked on a corn plantation four hours away by car. There they paid us 35 soles a day — from 7 a.m. to 5 p.m. on the plantation. That’s a lot of work for little money, and you’re away from your family all week.
How will it go on now? Is the corona vaccination coming?
The Peruvian government announced that it would carry out millions of corona vaccinations for January and February. They tell us that this vaccination will not be compulsory. But indirectly it is indeed mandatory — for anyone who wants to go back to work, travel, go to hospital or pick up their children from school. But at the same time they tell you that it is not compulsory.

Do the children also have to be vaccinated against Covid?

Yes, if the children want to go back to school, they have to get vaccinated against Covid-19. We are all very scared of it. In addition, the mask requirement should also apply in class next year! The children were not in school from the beginning of May to the end of November and were only allowed to move within a radius of 500m around our house. They received instructional videos on their cell phones. Many children felt very bad during this time, they had depression. Nobody here wants vaccinations for children, but we have no choice. We are blackmailed with their education and their welfare.

Do you think that claiming voluntariness could be a legal ploy to avoid liability for any damage?

Certainly! A well-known journalist recently said to our health minister that we citizens of Peru, who are now being urged to be vaccinated, first want to see how the entire government apparatus, all ministers and authorities get vaccinated! Let them lead by example in their function as representatives of the people! We don’t want to have this vaccination before that either.

All over the world there are currently large demos against the corona measures, in Argentina the lockdown was recently ended as a result of violent civil protests. How is the situation in Peru?

There are not yet any demonstrations against the corona policy in this country, but there are demos. The main topic is the rampant corruption — with which Corona is of course also connected! Perhaps it is also because the vaccination is not yet imminent, it will not come until January or February. We’ll see what happens then. Most of the people here are against the vaccination. Word gets around that it is not particularly efficient and that it is even supposed to change DNA. Many people here believe that everything was planned well in advance. That the vaccination was practically finished long in advance. They just want us to believe that they made the vaccine at an exceptional rate, but in reality it was already there. We’re not so stupid as to believe everything. In a crisis like this, the poorest of the poor are always the first to die. I believe this is a war.

In which sense, a war?

A war between the rich and the poor. Many people here believe that this virus was created to wipe out the poorest of the poor. The profit that arises from this goes to the big pharmaceutical companies. In the eyes of the rich, we poor are only unnecessary consumers; we are superfluous for them. They want to get rid of us.

Cultural anthropologist & Freelance journalist. Team Demokratischer Widerstand

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