Nachwort zu meinem Artikel “China und der ‘Great Reset’”

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So fühlt es sich also an, wenn man einen Text schreibt, der eine gewisse Brisanz hat. Die Zeit seit dem Erscheinen meines Artikels „China und der ‘Great Reset’“ im Demokratischen Widerstand war jedenfalls nicht langweilig. Meine These einer Interessenkonvergenz der Kommunistischen Partei Chinas und der Techkonzerne rund um das World Economic Forum stieß auf einige Resonanz. Die zahlreichsten Rückmeldungen erhielt ich auf Twitter von Otto Kolbl, dem China-Lobbyisten und Mitautoren des BMI-Panikpapiers, nachdem ich ihm meinen Artikel zukommen ließ. Den Teil über Klaus Schwab in meiner Arbeit nahm Kolbl mit Interesse und sogar einer gewissen Anerkennung zur Kenntnis. Das bereite ihm ebenfalls großes Unbehagen. Die Zukunftsvision eines Herrn Schwab sei in der Tat dystopisch.

Aber er fühle sich ungerecht behandelt, falls ich ihm mit meinem Artikel unterstellen wollte, selbst aktiv für den Lockdown geworben zu haben. An einer Zerschlagung des Mittelstandes sei ihm nicht gelegen, gegen einen weiteren Lockdown als Mittel der Wahl kämpfe er, wie bereits in einem früheren YouTube-Interview gesagt, „bis zum letzten Atemzug“.

(Pathos hat er).

Ioannidis sei garnicht der meistzitierte Epidemiologe der Welt, sondern nur an dritter oder zehnter Stelle. Und außerdem seien sehr wohl noch zwei “echte” Mediziner in leitender Funktion in der Taskforce gewesen — sie tauchten nur in der offiziellen Liste nicht auf, da sie keine eigenen Textabschnitte verfasst hätten; einer davon sei Herr Dr. Wieler aus dem RKI, den anderen wollte Kolbl nicht nennen.

Ich erwiderte Kolbl auf seine Einwände, dass ich ihn im Text nicht als Lockdown-Apologeten dargestellt hätte — aber, wie in einigen unserer früheren Konversationen bereits angemerkt, als einen Bauern auf dem Schachfeld mächtiger Interessen, der seine Rolle ausfüllt, aber nicht versteht.

Seit drei Monaten stehe ich mit Otto Kolbl in Kontakt auf Twitter. Meist ist der recht barsch, aber doch getrieben von einer gewissen gegenseitigen Neugier. Ich kann an mir selbst beobachten, wie dieser eigenartige, vielbeschworene Filz entsteht; eine Abschwächung meines ursprünglich sehr negativen Gefühls gegenüber dem Autor der in meinen Augen manipulativen und kinderfeindlichen Zeilen. Er verhielt sich mir gegenüber kooperativ, wenngleich nicht immer höflich („Das ist Schwachsinn, was Sie da sagen.“). Er schickte mir Links, Quellen, beantwortete Rückfragen. Fast beginne ich, ihn zu mögen — ein Blick in seinen Twitter-Feed und mir wird erneut mulmig: Kolbl teilt Studien, die vorgeblich beweisen, dass Masken für zweijährige Kinder überhaupt kein Problem darstellen.

Als „Flachland-Ideologie” bezeichnete der US-amerikanische Philosoph Ken Wilber in seinem Hauptwerk „Sex, Ecology, Spirituality“ („Eros, Kosmos, Logos“), wenn Technokraten eine kalte, operationale Außenperspektive auf isolierte Phänomene als die einzig mögliche Lesart der Realität darstellen — und dabei die Existenz gleichzeitiger Bewusstseins-Realitäten komplett verneinen. Wie fühlt sich ein zweijähriges Kind, wenn es eine Maske trägt und Maskengesichter um sich sieht? Was macht es mit seiner seelischen, seiner mitmenschlichen Entwicklung? Wie ist es um das psychologische Gerüst unserer Kultur als solches bestellt, wenn sie unter Stress in ritualistische, nicht evidenzbasierte Symbolhandlungen zurückfällt und gleichzeitig Fake-Evidenzen wie einem Gral vor sich herträgt?

Es ist die Achillesferse des Rationalismus, die eigene, rein lineare Denkfähigkeit für die ultima ratio zu halten, während jede holistische Erkenntnis als „prärational“ abgetan wird. Die Corona- Krise ist auch eine Krise des Sehens; es sind die transrational Sehenden, die das politische „Hyperobjekt“ Corona geradeso schemenhaft erfassen können.

Otto Kolbl gehört nicht dazu. Er spricht auf Twitter von den günstigsten Holzrahmungen als Einfassungen für PVC-Wände zwischen den Sitzplätzen von Schülern in Klassenzimmern, kombiniert mit den modernsten Lüftungsfiltersystemen und Masken im Unterricht, gern auch schon ab Sekundarstufe 1 und 2. Fast tut er mir leid.

Es scheint eine feststehende, intrinsische Eigenschaft aller Apparatschiks, Kollaborateure und Schranzen totalitärer Systeme zu sein, den eigenen Anteil an der entstandenen monströsen Realität nicht sehen zu wollen, nicht sehen zu können — das, was Hannah Arendt ihrerzeit so trefflich als die „Banalität des Bösen“ bezeichnete. Ein Schatten, der übrigens in uns allen steckt.

Der Vorteil dieser ersten globalen Diktatur im Informationzeitalter besteht darin, von den Lesarten der “anderen Seite” bereits in Echtzeit erfahren zu können und nicht erst Jahre später, in zermürbenden Aufarbeitungsprozessen — obgleich es diese auch brauchen wird.

Wir vernetzen uns global zu dem sich uns darbietenden, technokratischen Schauspiel, tauschen Infos, klären auf. Auf der ganzen Welt sind Ärzte, Anwälte, Journalisten und mündige Bürger online und offline im Widerstand gegen die Neue Normalokratie aktiv. Daher möchte ich diese kleine Reflexion mit dem ermutigenden Ausspruch Hölderlins schließen:

Denn wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

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